Eröffnung der Begegnungszone Maaßenstraße

Begegnungszone Maassenstrasse

Das kostenspielige Prestigeobjekt des Bezirks – das Modellprojekt „Begegnungszone Maaßenstraße“ – ist im Rahmen der Fußgängerstrategie des Landes abgeschlossen. Am Montag, 05. Oktober 2015 um 11.30 Uhr wird die Maaßenstraße wieder für den Verkehr freigegeben.

Die feierliche Eröffnung wird von Staatssekretär Christian Gäbler, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg und Daniel Krüger, Bezirksstadtrat für Bauwesen, durchgeführt.

Über Ihre Teilnahme an der Eröffnung würden sich die Verantsalter sehr freuen.

Allein diese Aussage ist ein Witz, da um diese Zeit die meisten der Anwohner_innen, die die Umbaumaßnahmen kritisch begleitet haben, ihrer Berufstätigkeit nachgehen werden. Zudem weiß ich auch nicht, was es zu feiern geben soll, außer eine Steuerverschwendung von mehr als 700.000 Euro

Willkommen in der Zone

In der „Begegnungszone“ ist der Zufußgehende König. Er bekommt den meisten Platz, den größten Raum. Radfahrende teilen sich die verengte Straße mit den Autos, die im Postkutschentempo maximal Tempo 20 fahren dürfen. Eine reine Fußgängerzone ist die Maaßenstraße also nicht, sondern ein Ort für alle.

Der Nollendorfkiez ist so reich an Geschichte. Als das Viertel um 1900 für preußische Beamte und Kriegerwitwen angelegt wurde, entwickelte sich das Gebiet um den Nollendorfplatz schon bald zur Amüsiermeile und zu einem kulturellen Ort.

Nelly Sachs wurde hier geboren und viele Jahren wohnten Else Lasker-Schüler und Rudolf Steiner im Kiez. Der große Maler städtischen Berliner Lebens, Lesser Ury, hatte hier sein Atelier. In den 1920er Jahren erfuhr die Gegend ihre Blütezeit und viele Künstler sowie ausgehfreudige Menschen machten Tag und Nacht die Gegend zu einem beliebten Treffpunkt. Die soziale Mischung, die um 1930 herrschte und durch Christopher Isherwood bereicherte wurde, existiert bis heute. Das traditionsreiche Café Berio, welches sich zu einem beliebten Treffpunkt der queeren Szene entwickelte, hat sich vor über 60 Jahren hier etabliert. Und so ist der Nollendorfkiez weit über seine Grenzen für seine Anrüchigkeit und Kreativität bekannt, verlottert und fidel zugleich. Hier leben jene ausgeschlafenen Berliner, die im Nebenberuf Nachtschwärmer sind. In einem solch lebendigen Kiez braucht man Tempo und keine Aussichtsplattform und Sitztiere für Kinder – dafür gibt es den nur wenige Meter entfernten „Park“ in der Gleditzschstraße.

Bevor sich die Maaßenstraße zu einer Fressmeile entwickelte, wäre niemand auf die Idee gekommen hier eine Begegnungszone zu etablieren. Sicherlich hat sich die Maaßenstraße in den letzten Jahren stark gewandelt. Schöne Einzelhandelsgeschäfte haben ihre Läden aufgegeben. Seit einigen Jahren wächst das gastronomische Angebot beständig. Türken und Araber haben ihre gastronomischen Lokalitäten eröffnet und man sieht männliche Testosteronpakete, die an süßlich duftenden Wasserpfeifen nuckeln. Ist es aber nicht auch toll, wenn man im Sommer die Straße abläuft, das Gefühl zu haben, in südländischen Gefilden zu sein? Zugegeben, über die Ausbreitung der gastronomischen Außenterrassen und insbesondere über die winterlichen Einhausungen habe ich mich auch oft geärgert. Durch einfache, stetige Kontrollmaßnahmen von Mitarbeitern des Ordnungsamtes hätte man dieses Problem in den Griff bekommen können.

Kein Vorteil

Welchen Vorteil haben die Umbaumaßnahmen den Nutzern der Straße gebracht? Keinen!

Das Problem sind die viel zu oft rücksichtslosen Radfahrenden. Die Radfahrenden sahen sich in der Maaßenstraße bisher mit den Zufußgehenden konfrontiert und umgekehrt. Nun wurden sie von dem auf dem Gehweg befindlichen Radweg auf die Fahrbahn verbannt. Doch dort steht ihnen nicht mehr Raum zur Verfügung, als auf dem vormaligen Radweg. Im Gegenteil. Sie müssen sich die verschmalerte Fahrbahn mit den Autofahrern teilen und die Fahrbahn ist so verengt, dass der notwendige Sicherheitsabstand von 1,50 Meter nicht gewährleistet ist. Also fahren die Radfahrenden weiterhin auf dem Gehweg oder durch die neuen Kommunikationsflächen und bedrängen die Zufußgehenden. So besteht der Dauerkonflikt zwischen beiden Verkehrsteilnehmern weiter. Seit gestern stehen auch die neuen Tempo 20-Schilder und wie zu erwarten war, hat sich niemand daran gehalten.

Lieferanten, die sich mit vollen und leeren Getränkekisten auf ihrem Hubwagen ihren Weg durch die Maaßenstraße bahnen, machen einen solchen Lärm, dass einem der Genuß einer Tasse Kaffee bei Sonnenschein vergeht und das wird noch „lustiger“, wenn die vorgesehene Lieferzone für die gesamte Straße erst in Betrieb ist. Derzeit wird die östliche Nollendorfstraße wieder als Parkraum zurückerobert, damit die gastronomischen Einrichtungen weiterhin Gäste haben.

Einige Marktleute bemängeln in letzter Zeit die fehlende Kauflaune auf dem Winterfeldtmarkt. So berichten Marktleute, dass ihre Kundschaft nicht nur aus dem Kiez, sondern aus umliegenden Bezirken kommen. Seit Beginn der Umbaumaßnahmen haben einige Händler deutlich weniger Kunden als zuvor. Viele befürchten, dass aufgrund der deutlichen Reduzierung des Parkplatzangebots die kaufende Kundschaft weiterhin rückläufig sein wird. Andere Wochenmärkte sind da deutlich interessanter (geworden) und so überlegt der eine oder andere bereits, künftig den Winterfeldtmarkt nicht mehr anzufahren. Sollte das passieren, dann werden an den Samstagen auch die gastronomischen Einrichtungen weniger Gäste haben und dann hat der Bezirk mit seinem Prestigeobjekt eines erreicht – dem Kiez die Attraktivität zu nehmen.

Verordnete Begegnung

„Aufenthaltsraum“ was ist das? Wie und von wem soll der zusätzlich geschaffene und durch die Fahrbahn geteilte Aufenthaltsraum genutzt werden? Südliche Verhältnisse – Kommunikationszonen mit Bänken, wo der Kiez sich trifft und Menschen miteinander reden ist eine schöne Vorstellung nicht zuletzt auch bei unserem Wetter. Erfahrungsgemäß wird Aufenthaltsraum genutzt, wenn er durch Bewirtschaftung attraktiv ist. Der Winterfeldtplatz ist beispielsweise außerhalb der Markttage nur im Bereich der Gastronomie bevölkert.

Chapeau, nun haben die provinziellen Landeier gewonnen. Sie haben sich in ihrer Jugend aus ihren Dörfern aufgemacht, um die große weite Welt kennenzulernen. In Berlin angekommen, sind sie schnell überfordert von der Größe, der Unübersichtlichkeit, der Anonymität und der Herzlosigkeit der Stadt. Sie lassen sich in den Kiezen der Stadt nieder und wollen nur eines: ihre Dörfer in der Metropole errichten. So erinnern die grünen Pflastersteine an heimelige Rasenflächen und die grauen Querungsstreifen an Feldwege. Dabei hat Berlin eine so reizvolle grüne Umgebung, die mit einsamen Seen und verwunschenen Wäldern alles zu bieten hat, was der Naturfreund begehrt.

In einem lebhaften Kiez, den eine attraktive Großstadt auszeichnet, der sich von irgendwelchen provinziellen Dörfern abgrenzt und in dem sich von ganz allein alles und jeder begegnet, ausgerechnet dort soll nun ländliche Idylle einziehen.

Willkommen in der Zone! Schön, dass wir uns begegnet sind

Der Beitrag wurde inspiriert durch den Artikel Berlin zwischen Bullerbü und Ballermann der Welt vom 17.08.2015. Einzelne Passagen aus dem Artikel wurden übernommen bzw. umgeschrieben.

Ist der Beitrag auch für Deine Freunde interessant? It's easy to share
nollendorfkiez

11 Kommentare

    1. Vielen Dank für den VroniPlag-Hinweis. In meinem ursprünglichen Entwurf war ein Verweis auf den Artikel in der Welt vorhanden, der mir bei der Überarbeitung versehentlich abhanden gekommen ist. Ich habe einen entsprechenden Verweis auf den Artikel der WELT vom 17.08.15 eingefügt.

  1. Es ist traurig wie Leute jeden Versuch um die Dinge zu verbessern kaputt reden möchten. In Zukunft in Berlin wird es weniger Raum für Autos geben. Das wird auch dafür sorgen dass Gegenden lebendiger werden weil es mehr Platz für Menschen gibt.

    Wir mussen sehen wie es genau funktioniert und das Ordnungsamt wird wahrscheinlich noch mehr Arbeit haben (die sind schon so überfordert) aber das alles wird für mehr Fortschritt sorgen als die wehmütige Texte hierüber.

    1. Wie sich allein heute bei der Eröffnungsfeier gezeigt hat, funktioniert es nicht. Das Ordnungsamt hat in den letzten 25 Jahren nicht ausreichend kontrolliert und aus welchen Gründen sie es nun tun sollten, erschließt sich nicht, da nicht mehr Mitarbeiter zur Verfügung stehen.
      Es geht auch nicht darum, etwas kaputt zu reden. Es geht einzig darum, den Finger in die Wunde zu legen, dass hier ein Prestigeobjekt geschaffen wurde, das an den Bedürfnissen der Anwohner vorbei geplant wurde. Wenn man sich mal mit der Stadtentwicklung des Bundes beschäftigt, wird deutlich, dass wir aufgrund einer zunehmend alternden Gesellschaft das Bedürfnis nach Mobilität haben, um diese Menschen vom gesellschaftlichen Leben nicht auszuschließen. Gerade ältere Menschen sind eben nicht mehr deutlich so gut zu Fuß unterwegs oder trauen sich mit dem Fahrrad (schon gar nicht in der dunklen Jahreszeit) zu fahren. Die Mobilität der Zukunft wird einen Autoverkehr auf Basis von Elektroautos nicht ausschließen. Diese sind ähnlich wie die Radfahrenden umweltverträglich und geräuscharm. Jedoch benötigen Sie Platz und zwar Parkplätze in den Innenstädten.

      1. Das bedeutet nicht so viel. Es dauert immer eine Weile bevor eine neue Lage akzeptiert wird von den Verkehrsteilnehmern en sie sehen was für Auswirkung diese neue Machtbalance für sie hat. Ich bin gespannt.

        Ich stimme zu das Berlin sich nicht mit echte Probleme auseinandersetzen kann/will/traut. Wenn altere Leute sich nicht mit dem Fahrrad trauen, dann ist das ein Versagen der Stadt. Statt Lösungen bekommen wir Prestigeobjekten aber wenn diese mehr Platz für Menschen schaffen dan sind sie Willkommen.

  2. Ich bezweifle daß der Winterfeldtmarkt wegen der Umbauplanung weniger Kundschaft erhält – schon vor dem Wegfall der Parkplätze war ein direktes Parken in der Nähe des Marktes kaum möglich. Wer unbedingt mit dem Auto anfahren muß wird meiner Meinung nach damit leben können ein paar Meter mehr zu laufen. Mir persönlich ist der Markt an sonnigen Samstagen zu voll, klar ist er toll zum flanieren, aber wenn man als direkte Anwohnerin nur mal schnell was besorgen möchte dann muß man Geduld mitbringen – oder den Markt links liegen lassen. Im übrigen bin ich gespannt wie sich die Verkehrsflüsse entwickeln werden, im Zweifel sollte man die Einbahnstraßenlösung beibehalten und diese für Radfahrer freigeben oder direkt eine Fußgängerzone einrichten. Letzteres wäre auch temporär eine Möglichkeit, Reykjavik z.B. hat im Sommer die Haupt-Einkaufsstraße für mehrere Monate gesperrt.

    1. Der Vorschlag der Anwohner_innen eine Fußgängerzone zu schaffen bzw. der Vorschlag einer Einbahnstraßenlösung wurde auf den Bürgerversammlungen durch die Senatsverwaltung vehement abgelehnt, da man den Verkehr nicht unnötig auf die umliegenden Straßen verlagern wollte. Um hier nochmal den Projektleiter Horst Wohlfarth von Alm zu zitieren: „Die Straße gehört der Stadt und da interessieren uns nicht die Wünsche der Anwohner.“ Damit ist doch eigentlich alles gesagt.

      Bisher hatte ich persönlich keine Probleme damit, auf dem Markt auch mal etwas schnell zu besorgen. Die Zeit, die ich auf dem Markt aufbringen muss, muss ich dann um diese Uhrzeit auch bei Kaiser’s an der Kasse aufbringen. Da ist mir der Markt dann doch lieber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.